Die Zukunft der Netzwerke

ein Anfang

Die Herausforderung, die sich uns heute stellt, besteht nicht mehr in der Netzwerkidee an und für sich, sondern in ihrer zweckmäßigen Adaption an sehr unterschiedliche Produktions- und Rezeptionszusammenhänge. Hoch problematisch ist die Übertragung der Netzwerkkonzeption auf Kunst und auf Wissenschaft, und zwar deshalb, weil Kunst und wissenschaftliche Invention immer eine Abweichung vom Status quo und der Konvention implizieren. Diese Abweichung erscheint dem Ganzen und den Vielen gemeinhin als Fehler, weshalb gilt: Id quod per aliud non potest concipi, per se concipi debet (Spinoza)(01*).Ein Netzwerk also muss - vage formuliert - so gestaltet sein, dass nicht alle Ansätze in der Mediokrität ersticken, sondern gerade die Unterschiedlichkeit der einzelnen Ansätze und der individuellen Visionen nicht nur nicht eingeebnet, sondern möglicherweise sogar radikalisiert werden. Wie wäre das möglich?

Der Unterschied zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Invention liegt (in Bezug auf die Fruchtbarkeit der Kollektivität) vor allem im unterschiedlichen Verhältnis der beiden Disziplinen zu Fehlern. Oberflächlichkeiten (denkerische Kurzschlüsse (02*) ) und konkrete Denkfehler können vom Rezipienten aufgespürt und vielleicht sogar korrigiert werden. Das Debugging wissenschaftlicher Texte ermöglicht (post-inventional!) eine Möglichkeit der Kollektivität, die es im Bereich der Kunst nur im sehr begrenzten Maße geben kann. Jedes Kunstwerk würde, wenn es vom Rezipienten umgestaltet werden könnte, flugs zerstört werden. Dies liegt neben der Unterschiedlichkeit künstlerischer und wissenschaftlicher Produkte vor allem an den unterschiedlichen Medien und Instrumenten, die für den möglichen kollektiven Prozess gebraucht werden. Die Instrumente der Logik, der Grammatik, der Orthografie (mit deren Hilfe ein fremder Text bearbeitet werden kann) haben eine andere Unbestechlichkeit als das Medium des Geschmacks (mit dem ein fremdes Kunstwerk bearbeitet werden kann), da letzteres immer ein Resultat gesellschaftlicher Konvention ist und so das zerstörerisch ins Werk hineinsetzt, was dem Ins-Werk-Setzen der künstlerischen Unbestechlichkeit (das was Heidegger die Wahrheit nannte (03*) ) gerade zuwiderläuft.

Eine bestimmte Art von Kollektivität und Vernetzung funktioniert eben nur da, wo das gemeinsame Ergebnis auf Massengeschmack und Gewinne zielt. Eine künstlerische Kollektivität kann sich dagegen (emanzipiert) nur da ermöglichen, wo gemeinsam darüber nachgedacht wird, wie die individuellen Unterschiede - dialektisch zugespitzt - fruchtbar werden können. Die Struktur dieses Netzwerkes muss sich also mit Algorithmen (Vollzugsregeln, medialer Programmierung etc.) auf eine sehr bestimmte, wenn auch nicht letztlich planbare Art, metaregeln. Diese Metaregulierung muss darauf zielen, dass nicht jede Unterentscheidung kollektiver Zustimmung bedarf, da in diesem Fall ungewöhnliche Problemlösungsansätze vernichtet würden. Eine bildreiche Analogie erscheint in der Aufforderung zu folgendem Experiment (Dirk Baecker, Postheroisches Management (04*) ):

"Nehmen Sie zwei leere Flaschen, fangen Sie in der einen einige Bienen und in der anderen einige Fliegen. Legen Sie die Flaschen horizontal auf einen Tisch, mit der nicht verschlossenen Öffnung vom Fenster abgewendet. Und nun beobachten Sie die Fliegen und die Bienen. Die Bienen werden mit größter Sorgfalt und größtem Eifer jeden Millimeter des dem Licht zugewandten Flaschenbodens nach einer Öffnung absuchen, um ins Freie zu gelangen, und dies so lange tun, bis sie an Entkräftung und Hunger gestorben sind. Die Fliegen werden aufgeregt in der Flasche hin und her schwirren, ohne Sinn und Verstand, bis sie, eine nach der anderen und jede einzelne zufällig, die Öffnung gefunden haben und auf und davon fliegen. Die Bienen sterben, die Fliegen überleben."

Wie nun könnte die Unterschiedlichkeit der "Problemlösungsstrategie" der Bienen und Fliegen beschrieben werden? Man könnte sagen, dass das Verhalten der Bienen einerseits eine Analogie zu einem hierarchisch geordneten Unternehmen bildet (eine Produktionsweise, die bei einem bestimmten technischen Stand durchaus von Vorteil war) und andererseits den Zustand veranschaulicht, in dem alle Mikroentscheidungen Konsens benötigen. Im Verhalten der Fliegen dagegen verbildlicht sich diejenige Struktur, in der der individuellen Vision jedes Einzelnen Gerechtigkeit widerfährt.
Könnte - in Erweiterung der Analogie - die Gruppe aus der Erfahrung des Einzelnen lernen, wären evolutionäre Prozesse höchst wahrscheinlich. Diese Kollektivität, die im Zur-Verfügung-Stellen von Lösungsansätzen besteht, steht in ihrer Wirkung diametral derjenigen Kollektivität entgegen, in der jede einzelne Mikroentscheidung demokratisch und mit Consensus getroffen wird.

Wie nun kann eine künstlerische oder wissenschaftliche gemeinsame Arbeit oder auch ein Unternehmen den richtigen Grad von Geordnetheit finden? Im Falle des Unternehmens hängt vieles von den technischen Produktionsbedingungen ab. Solange mechanische Prozesse den größten Teil der Arbeit ausmachten (beispielsweise Graben, Rudern, Steine Schleppen etc.) führt für die betreffenden Arbeiten maximale Ordnung zum größtmöglichen Erfolg. Die Arbeitseinteilung erfolgt hier in der Regel durch einen Kommandeur, der beim Graben oder Rudern vermittels Zählen oder Trommelzeichen die Arbeitsbewegungen rhythmisch koordiniert und der Belohnung und Bestrafung (beispielsweise in Form von Peitschenschlägen und Pausen) austeilt. Mit der technischen Mechanisierung der Arbeit wechselt hier das Paradigma (05*) : Je mehr die Nicht-Abweichung von Maschinen erledigt wird, desto wichtiger werden die Nebenmeinungen Einzelner.

Mit der Mechanisierbarkeit der Informationsverarbeitung wird hier ein weiteres Mal das Paradigma und zwar in die gleiche Richtung umbrechen. Brave gedankliche und fehlerfreie Arbeit wird sich bald mit Hilfe von Computern erledigen lassen. Für die fruchtbare Abweichung benötigt der Computer fürs Nächste den Menschen als nicht-triviales Gegenüber (06*).. Evolution, deren erste Bedingung die Variation darstellt, ist auf Abweichung angewiesen (07*).

Auch durch die Notwendigkeit der unmittelbaren Anpassung an die sich ständig verändernde Gegenwart nähern sich wirtschaftliche Zusammenhänge jenen Zuständen an, die für die Kunst ideal sind. In beiden Fällen geht es dann nicht mehr darum, eine organisch-funktionale Integrität herzustellen, sondern eine produktive Mehrstimmigkeit zu ermöglichen, was konkret auf Ermutigungspraktiken der Mitarbeiter, ihren eigenen Wahrnehmungen zu trauen und Nebenmeinungen zu äußern u.ä., hinausläuft.

Grundsätzlicher allerdings wird die Frage des Netzwerktyps dadurch bestimmt, in welchem Verhältnis die Notwendigkeit von Außergewöhnlichkeit und Innovation zu der Notwendigkeit der Fehlervermeidung steht. In Zusammenhängen, in denen es vor allem auf Fehlervermeidung ankommt (beispielsw. Raum- und Luftfahrt {in ihrer Ausführung, nicht aber in der Forschung!}), ist Kollektivität in Bezug auf jede Mikroentscheidung dann sinnvoll, wenn dadurch die Entscheidungsfindungsgeschwindigkeit nicht derart reduziert wird, dass die Reaktion mit den Anforderungen nicht mehr Schritt halten kann.

Debugging, das hat die Open-Source-Bewegung gezeigt, ist die Idealanforderung weitgehend unkontrollierter Kollektivität. Debugging stellt aber gerade jene Trivialisierung dar, die intelligente Computer zukünftig werden erbringen können.

=> Dass der Kinofilm weitgehend in Netzwerken und nach Prinzipien des Out-sourcing (08*) produziert wird, kann in diesem Zusammenhang als Indiz seiner künstlerischen Impotenz verstanden werden. Das Zentrum des Kinofilms, das Drehbuch, hat oft noch einen künstlerischen Impuls, also eine Abweichung von dem, was es schon immer gab und allen gefällt. Doch auch dieser künstlerische Impuls übersteht in Hollywood selten das "Debugging" durch Dramaturgen und Schreibkollektive. So ist es nur konsequent, dass am Ende des cineastischen unterhaltungsindustriellen Produktes die Try-outs und Previews stehen, in denen die Reaktionen des Publikum getestet und letzte Reste der Kreativität und der Außergewöhnlichkeit beseitigt worden sind.

Die Frage, wie Theorie in mehr oder weniger offenen Netzwerken entstehen kann, wird sicherlich Gegenstand mannigfaltiger Bemühungen sein. Da künstlerische Produktion (im engeren Sinne) der Individualität des Ansatzes im noch stärkeren Maße bedarf, wäre es u.U. zweckdienlich, zunächst mit künstlerischer Kollektivität zu experimentieren, um die so gewonnenen Ansätze in einem zweiten Schritt auf wissenschaftliche zu übertragen. Wie nun könnte künstlerische Kollektivität erprobt werden? tnvh

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_literatur/_links_/_audiotracks

* The State of Networks - Geert Lovink / Florian Schneider, Make World # 4 Paper
* Was ist ein Netzwerk? - Telefonat am 14.April 2004 mit Florian Schneider
* Netzwerke und Programmierung - Telefonat am 09.April 2004 mit einem Programmierer, der nicht genannt sein will
* Theater als Netzwerk - Radiogespräch am 14.April 2004 mit Detlev Schneider und Matthias Lilienthal neue-methode.de
* Heinz von Foester, Wissen und Gewissen, Frankfurt am Main 1994

(01*) Ethica I, Axiomata II
(02*) Etymologie als Argument, Pointierung durch Konnotationen, modische Gemeinplätze - um nur einige zu nennen.
(03*) Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, Vortrag vom 13. November 1935 in der Kunstwissenschaftlichen Gesellschaft zu Freiburg i.Br., Erstveröffentlichung in Holzwege. Zitiert nach der Reclam-Ausgabe, Stuttgart 1960, p.73: "Aus dem Vorhandenen und Gewöhnlichen wird die Wahrheit niemals abgelesen. Vielmehr geschieht die Eröffnung des Offenen und die Lichtung des Seinenden nur, indem die in der Geworfenheit ankommende Offenheit entworfen wird. / Wahrheit als die Lichtung und Verbergung des Seienden geschieht, indem sie gedichtet -also auf visionär-tyrannische Weise verdichtet und geformt - wird."
(04*) Berlin, 1994, p.99f (Merve)
(05*) In Bezug auf "militärische Produktion" ausführlich dargestellt von Johannes Henrich von Heiseler, "Militär und Technik" - Arbeitssoziologische Studien zum Einfluss der Technisierung auf die Sozialstruktur des modernen Militärs, Witten und Berlin, 1966 (Dissertation in der philosophischen Fakultät an der Freien Universität Berlin, Referent: Ludwig von Friedeburg, Korreferent: Hans-Joachim Lieber).
(06*) Zur Unterscheidung von trivialen und nicht-trivialen Maschinen: Heinz von Foerster, Wissen und Gewissen, Frankfurt am Main 1994, p 244-252 im Kapitel "Prinzipien der Selbstorganisation im sozialen und betriebswirtschaftlichen Bereich" (p 233-269), welches für das hier behandelte Thema auch in anderer Weise aufschlussreich ist.
(07*) Ausführliche Darstellung der systemtheoretischen Evolutionstheorie siehe Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1998, p 413-594.
(08*) Man könnte das Verhältnis zwischen Produzent und Regisseur (incl. Producer) gar nicht treffender beschreiben.

www.neuemethode.de

tnvh

Comments

Antwort und Kritik von Geert Lovink vom 23.04.2004

23.04.2004
> Ich lege dir einen Text bei, den ich gerade getippt habe und würde mich
> freuen, eine Kritik zu bekommen.

doch doch... vergisse die theorie fuer eine weile und fange an mit
konkrete projekte. das problem mit deine theorieauswahl ist das sie
nicht utopisch oder politisch ist sondern poetisch und nur mit sich
selbst ins gespraech ist. manchmal ist das schoen weil es so zwecklos
ist. ich geniesse die abwegigkeit. manchmal aber muss man es auch sein
lassen.

> Könntest du mir eine Postadresse geben.

xxx

Fuer das Gespraech waere es uebrigens gut das du My First Recession
liest. Das ist das aktuelle Buch. Und die Gespraeche mit mir auf
www.laudanum.net/geert.

Ciao, Geert

e-mail an Geert Lovink vom 21.04.2004

21.04.2004
Lieber Geert,
Die Worte Merkwürdig und Außergewöhnlich sind denotative Synonyme und implizieren in ihrer jeweiligen Konnotation, eine jeweilige Weltanschauung: Im ersten Fall ist das andere ein bisschen abartig und im zweiten Fall: der Weg in die Zukunft....

wenn immer ich freie Zeit habe, lese ich dein Buch. Lass mich doch meine 90er Jahre erst einmal nachholen... vielleicht komme ich dann in ein paar Wochen in der Gegenwart der Netzkultur an. Im Sommer ist mir durch ein 3-stündiges Gespräch mit Florian Schneider die Bedeutung von Open-Source und Aktivismus generell aufgegangen. Wir kommen doch aus einem ganz und gar anderen Zusammenhang (Literatur, Theater, Hörspiel, Film) und ich habe meinerseits in den 90ern etwas gemacht, was jetzt wiederum in anderen Zusammenhängen zu gebrauchen ist.

Ich lege dir einen Text bei, den ich gerade getippt habe und würde mich freuen, eine Kritik zu bekommen.

Könntest du mir eine Postadresse geben, dass ich dir eine CD schicken könnte (Ein Gespräch mit Wolfgang Ernst). Dann würde ich gerne ein Gespräch mit dir machen und zwar ausgehend von einem e-mail Wechsel, den man dann an die CD als Booklet anlegen könnte. Die Idee wäre, dass wir ein Telefongespräch führen und dieses auf beiden Seiten professionell aufnehmen: Hier nutze ich unser (geliehenes) Equipment und in Amsterdam könnte zu dir...

Auch das I-Net ist für mich völliges Neuland. Darum würde ich gerne wissen, was du von der explorativen Struktur unserer Seiten hältst.

Wenn man archäologisches Interesse hat oder Interesse an Prozessen, sind die Seiten auch jetzt vielleicht... na ja... zumindest merkwürdig.

Glück zu allen!
till